Manfred Keim im Herbst, lachend, mit einem Eichenblatt in der HandManfred Keim hält sich ein großes Herbstblatt vors Gesicht, ein Auge schaut darüber hinweg

In liebevoller Erinnerung an

Manfred Keim

14.06.1936 – 10.01.2024

Wir vermissen Manfred.

Wir feiern sein Leben und bewundern, dass er immer seinen eigenen Weg gegangen ist.

Helga Keim

Fabian Keim und Kyra Hirz

Dr. Ingeborg und Dr. Hans-Jörg Keim
und Familie

Frauke und Dr. Wolfgang Keim
und Familie

EX HOC MOMENTO PENDET AETERNITAS

Von diesem Augenblick hängt die Ewigkeit ab

Wer er war

Ein unkonventioneller, eigener und sehr besonderer Mensch. Provokant zuweilen, ohne es böse zu meinen. Humorvoll, manchmal schrill, auf jeden Fall überraschend. Er liebte den Widerspruch. Denen, die sich darauf einlassen konnten, war er ein guter, treuer Freund – selbstbestimmt und im positiven Sinne liberal.

  • Widerspruchsgeist
  • Humanistische Bildung
  • Sandalen auf der Tanzfläche
  • Kunst
  • Bücher
  • Geschichte
  • Sammelleidenschaft
  • Sport
  • Segelfliegen
  • Schallplatten-Liebhaber

Erinnerung

Er war ein eigener Mensch, unkonventionell und in vielem überraschend. Provokant zuweilen, aber nie böse gemeint. Humorvoll, manchmal auch schrill. Er liebte den Widerspruch und stellte sich gern auf die Gegenseite, selbst dann, wenn er dort gar nicht wirklich stand. Wer sich darauf einlassen konnte, fand in ihm einen guten und treuen Freund – selbstbestimmt und im besten Sinne liberal. Als ihn zuletzt die Demenz einholte, blieb er doch er selbst, nur in altersmilder Form. Er fehlt: als Vater, als Bruder, als Freund, als Gesprächspartner.

Manfred Fritz Keim kam am 14. Juni 1936 zur Welt, als erstes Kind von Susanne und Hans-Günther Keim. Die Mutter, gelernte Dekorateurin aus bürgerlichem Leipziger Haus, hatte sich ihren sächsischen Akzent energisch abgewöhnt; der Vater, Jurist bei der Allianz und Spross einer alten hessischen Soldatenfamilie, war klein, sportlich und von durchdringender Intelligenz, berühmt-berüchtigt für seine bekehrenden Vorträge auf Gesellschaften. Kennengelernt hatten sich die beiden im Stuttgarter Reitverein. Manfreds Interesse an Geschichte und großen Zusammenhängen hatte hier seine Wurzel.

„Wieso denn?" hätte er vermutlich gefragt, seinem Widerspruchsgeist folgend, wenn man ihm all diese Erinnerungen hingehalten hätte. Und hätte sie dann doch dankbar entgegengenommen und sorgfältig auf einem der unzähligen Papierstapel in seiner Wohnung aufbewahrt. Am 10. Januar 2024 hat er die letzte Reise angetreten, mit 87 Jahren.

„Da sprach er zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe." — 1. Mose 24,56

Der Vers passt zu ihm. Manfred Keim ließ sich nicht aufhalten, auch auf seinem letzten Weg nicht. Hetzen ließ er sich aber ebenso wenig. Ob er in seinen letzten Stunden mit Gott gerechnet hat, weiß niemand. Überrascht wäre er von einer Begegnung wohl kaum gewesen – eher hätte er sich sofort in ein interessantes Gespräch vertieft.

Vieles bleibt in Erinnerung. Das erste Zusammentreffen beim Karneval in Frankfurt, wo sofort klar war: Der ist genau mein Typ. Es war seine völlig andere Welt, die anzog, seine unkonventionelle Art – später dann die Sandalen auf der Tanzfläche als unverwechselbares Markenzeichen. Die gemeinsamen Reisen, allen voran der Dschungel Malaysias und der Besuch bei Freunden in Penang. Die Ski- und Paddelurlaube. Dass er sich davon irgendwann zurückzog und einmal sogar das Auto von einem Studenten an den Urlaubsort nachbringen ließ, weil er selbst nicht kommen konnte. Dass er in schwierigen beruflichen Zeiten mit Rat und Tat da war. Und dass er in der Julius-Reiber-Straße zum zwar unfreiwilligen, aber sehr hilfreichen „Bauleiter" wurde. Bis heute erinnern die Kunstwerke im Haus, vor allem von Baldur Greiner und Annegret Soltau, an vielen Ecken an ihn.

Seinem Bruder Hans-Jörg war er vor allem Gesprächspartner mit verwandter Seele. Unzählige Male haben die beiden zusammengesessen und geredet, besonders gern über Geschichte, sicher auch über die Kindheit. Prägend blieben die Bombennächte im Juli 1943 in Hamburg, die die Familie im Keller verbrachte, bangend, ob vom Haus darüber am nächsten Morgen noch etwas übrig sein würde. In seinen letzten Tagen kehrten diese Nächte in seine Träume zurück. Damals stand zum Glück noch alles – bis auf zerbrochene Fensterscheiben, deren Scherben sich im Kinderbettchen von Bruder Fritz-Harald wiederfanden. Auch das humanistische Gymnasium verband die Brüder, wenn sie es des Altersunterschieds wegen auch nur einen einzigen Tag gemeinsam besuchten.

Es war eine Nacht im Juli 1943, während der Operation Gomorrha, als die Familie im Keller der Oberstraße saß. Der siebenjährige Manfred fand seinen Trost in der Anwesenheit Berliner Feuerwehrmänner. Am Ende ging außer zerbrochenen Fensterscheiben nichts verloren.

1979 kam sein Sohn Fabian dazu. Der Sohn eines spleenigen, exzentrischen Vaters zu sein war nicht immer leicht, doch ihre Beziehung war stets von emotionaler Stärke geprägt. Mit den Jahren wurde der Umgang damit leichter, und über die gemeinsamen Vater-Sohn-Reisen kamen sich beide immer näher: von Santiago de Compostela nach Südmarokko, nach Irland, auf die Kanaren und schließlich nach Rom. Dass er in den Vatikanischen Museen praktisch jede Frage des Führers beantworten und mit ihm fachsimpeln konnte, sagt viel über sein immenses Wissen – gewachsen aus humanistischer Bildung und einem unermüdlichen Bücherkonsum.

Ein Zug, der ihn früh kennzeichnete: 1955 begann er in Darmstadt Maschinenbau zu studieren – zugelassen allein aufgrund seiner Eins in Deutsch. Als sein Vater im Februar 1962 während der großen Sturmflut in Hamburg starb, brach Manfred mitten im Diplomexamen das Studium ab. Nicht aus Prüfungsangst und nicht wegen schlechter Ergebnisse, sondern weil ihm ein Titel als bloße bürgerliche Fassade galt. Es gab dazu, so erinnert sein Bruder, zu Hause nicht einmal eine Debatte.

Beruflich ging es trotzdem weiter, und zwar sofort: erst am Kunststoff-Institut der Technischen Hochschule, wo er mit faserverstärkten Kunststoffen arbeitete und beiläufig einen großen Inkubator konstruierte, dann als Redakteur beim Krauskopf-Verlag in Mainz, schließlich bei der Firma Schenck, wo er in einem kleinen Team die Handbücher für hydraulische Prüfmaschinen entwarf. Aus dieser Zeit blieben zahlreiche Freundschaften und die Verehrung für seinen Vorgesetzten Prof. Jakobi.

Es gäbe noch so vieles zu erzählen. Seine Liebe zur Kunst, die ihn besonders mit seinem Freund Baldur Greiner verband. Jahrzehntelange Freundschaften, etwa zu Manfred und Kirsten Habicht, und zu vielen anderen. Seine grenzenlose Sammelleidenschaft, die in seiner Wohnung zu wunderbar chaotischen Zuständen führte. Seine Liebe zur Literatur, seine Sprachbegabung.

In den letzten zwei, drei Jahren war die Familie sein Anker: die unzähligen Besuche, dazu die liebevolle Betreuung durch Rosemarie Rübsamen und Suna Avinik. Dieser letzte Lebensabschnitt war vor allem von großer Dankbarkeit geprägt. Die Frage, ob er ein gutes Leben hatte, konnte er uneingeschränkt bejahen. Und er war schließlich auch so weit, sterben zu wollen.

„Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe."

Er ist gegangen, wie er gelebt hat: eigenständig, unkonventionell und voller Dankbarkeit.

Frei nach der Traueransprache von Pfr. Mark Adler, Darmstadt

Biografische Angaben nach Aufzeichnungen von Hans-Jörg Keim

Stationen

  1. HERKUNFT UND KINDHEIT

    1. Die Eltern

      Die Mutter Susanne, geboren 1911, gelernte Dekorateurin aus Leipzig: Ein Jahr unterrichtet sie an der Reimann-Schule in Berlin, später in München und Stuttgart. Der Vater, Hans-Günther, geboren 1902, stammt aus einer lang tradierten hessischen Soldatenfamilie. Das Ende des Ersten Weltkriegs verhinderte die Offizierslaufbahn, also studierte er Jura in Frankfurt. Er wurde Jurist bei der Allianz. Kennengelernt haben sich die Eltern im Stuttgarter Reitverein, geheiratet haben sie 1933. Ein bürgerliches Leben mit Reiten, Reisen nach Italien und einem Kabriolett. Später der Wechsel nach Hamburg, wo der Vater Justitiar wurde.

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      Foto: Die Eltern
    2. 14. Juni 1936 — Er wird geboren

      Als erstes überlebendes Kind. Die Eltern waren stolz.

    3. 21. Januar 1938 — Geburt von Bruder Wolfgang Ernst

    4. 1939 — Oberstraße 76

      Die Familie zieht von Hamburg-Eppendorf nach Harvestehude.

    5. 1942 — Einschulung

      In die Jahn-Schule, unterrichtet von der großartigen Thea Kohrs, genannt Tetsche, einer Lebensfreundin der Familie.

    6. 3. April 1943 — Geburt von Bruder Fritz-Harald

    7. Juli 1943 — Operation Gomorrha

      In der Nacht zum 24. Juli treffen die Bomben den Westen Hamburgs, in den Tagen darauf die östlichen Stadtteile; 30.000 Menschen sterben. Die Familie sitzt im Keller der Oberstraße. Der siebenjährige Manfred findet Trost in der Anwesenheit Berliner Feuerwehrmänner. Außer zerbrochenen Scheiben, deren Scherben im Kinderbettchen des kleinen Fritz-Harald landen, geht nichts verloren. In seinen letzten Tagen kehrten diese Nächte in seine Träume zurück.

  2. SCHULE UND STUDIUM

    1. 1946–1955 — Gelehrtenschule des Johanneums

      Das humanistische Gymnasium, das seine Bildung prägte. Bei Tisch erzählte er schnurrige Geschichten aus dem Schulalltag, die seinen Bruder Hans-Jörg bewogen, ab 1955 dieselbe Schule besuchen zu wollen. Der Altersunterschied verhinderte einen gemeinsamen Schulbesuch: Ein einziges Mal waren die beiden gemeinsam dort, 2015, als Gäste zur Abiturfeier zu Ehren ihres 60. und 50. Abiturs.

    2. 1955 — Maschinenbau in Darmstadt

      Zugelassen wurde er allein aufgrund seiner Eins in Deutsch. Schon als Schüler hatte er in Hamburg-Boberg das Segelfliegen begonnen; ein Mentor nahm ihn mit nach Darmstadt. In der Akaflieg-Gruppe bastelte er an Fliegern mit, es ging um faserverstärkte Kunststoffe. Das Fliegen selbst hatte keine Priorität – meistens, so erzählte er, bediente er die Seilwinde. Das Zimmer für die ersten Semester teilte er sich mit Hans Rüth, im Haus eines Schneiders in Griesheim, gut sechs Kilometer außerhalb. Darmstadt war damals noch weitgehend Trümmerfeld.

    3. Die Akaflieg

      Die akademische Fliegergruppe wurde zur eigentlichen Leidenschaft der Studienjahre: Werkstatt in einem Keller, Flugbetrieb auf einem Platz außerhalb der Stadt, acht bis zehn Kommilitonen. Das Studium selbst behandelte er nachrangig; sein Prinzip war, erst zu prüfen, ob eine Vorlesung sich überhaupt lohne. Das Vorexamen legte er erst im sechsten Semester ab, dafür alles am Stück und sehr gut.

    4. Ein Sommer in Spanien

      Im Ferienhaus der Familie Rüth in Castelldefels, ein Praktikum bei AEG außerhalb Barcelonas, mit dem Motorrad angereist, täglich im Meer. Später Sevilla und der Flugzeugbau. Spanisch fiel ihm über das Latein leicht.

    5. 14. Februar 1962 — Der Tod des Vaters

      Hans-Günther Keim stirbt mit 59 Jahren während der Stürme der großen Flut in Hamburg. Mitten im Diplomexamen bricht Manfred Studium und Prüfungen ab – nicht aus Prüfungsangst oder wegen schlechter Ergebnisse, sondern aus der Überzeugung heraus, dass ein solcher Titel nur bürgerliche Fassade sei. Eine Debatte darüber gab es zu Hause nicht.

  3. BERUFSJAHRE

    1. Ab 1962 — Kunststoff-Institut der Technischen Hochschule

      Sofort findet er dort eine Anstellung und arbeitet weiter mit faserverstärkten Kunststoffen. Ein Auftrag lautete, einen großen Inkubator zu konstruieren – na ja, dann tat er das eben.

    2. 1965 — Der Freund zieht ein

      Hans Rüth kommt aus Spanien zurück nach Deutschland und wohnt bei ihm in Darmstadt, während er sich bewirbt.

    3. Mainz — Krauskopf-Verlag

      Er wechselt in die Redaktion und schreibt über Maschinenbau.

    4. Firma Schenck

      Seine redaktionelle Arbeit fällt auf, er wird empfohlen und entwirft dort mit einem kleinen Team die Handbücher der hydraulischen Prüfmaschinen. Es entstehen zahlreiche Freundschaften; große Verehrung für seinen Vorgesetzten Prof. Jakobi.

    5. Um 1996 — Vorzeitiger Ruhestand

      Mit dem Abgang von Prof. Jakobi wird er vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Es ficht ihn nicht ernsthaft an und trübt seine Laune nicht.

  4. HELGA, DARMSTADT UND DIE FAMILIE

    1. Ende der 1960er — Karneval in Frankfurt

      Zwei Junggesellen stehen im Tanzsaal herum, Manfred und sein Cousin Frank Müller. Es war seine unkonventionelle Art und die völlig andere Welt, aus der er kam, die anzog. Später wurden die Sandalen auf der Tanzfläche sein Markenzeichen. Tanzveranstaltungen interessierten ihn eigentlich nicht – mit genau einer Ausnahme, und die zählte.

      Zu klären: Hans Rüth, der an jenem Abend dabei war, erinnert ihn in Mainz.

    2. Dezember 1973 — Die Hochzeit von Helga und Manfred Keim

      Zunächst wohnt das Paar in der Emilstraße in Darmstadt.

    3. Die Dunkelkammer

      Helga gründet ihre Firma; sie zieht in die Artilleriestraße um. Zufällig wird bekannt, dass gegenüber ein Wohnhaus mit großem Garten zum Verkauf steht. Der Ankauf gelingt, und mit den Ehepaaren Lumpe und Breitwieser beginnt eine Freundschaft.

    4. Der "Bauleiter"

      Bei den Baumaßnahmen in der Julius-Reiber-Straße wird er zum zwar unfreiwilligen, aber sehr hilfreichen Bauleiter. Bis heute erinnern die Kunstwerke im Haus, vor allem von Baldur Greiner und Annegret Soltau, an vielen Ecken an ihn.

    5. 1979 — Sein Sohn Fabian

      Geburt im Marienhospital in Darmstadt. Er bemüht sich ein moderner Vater zu sein - tägliches zu Bett bringen und die Baby-Reinigung. 

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      Foto: Fabian und Manfred
    6. Familienreisen

      Malaysia und Penang - Der Dschungel und zu Besuch bei Freunden Schönherr: eine der bleibenden gemeinsamen Reisen. Es folgen Ski- und Paddelurlaube. Er blieb auch hier unkonventionell, ließ das Auto einmal von einem Studenten an den Urlaubsort fahren, weil er spontan selbst nicht kommen konnte.

    7. Die Vater-Sohn-Reisen

      Von Santiago de Compostela nach Südmarokko, nach Irland, auf die Kanaren und schließlich nach Rom, wo er in den Vatikanischen Museen die Antworten wusste, bevor der Führer sie stellen konnte.

  5. DIE SPÄTEN JAHRE

    1. 4. März 2003 — Der Tod der Mutter

      Susanne Keim stirbt in Darmstadt, nachdem sie dort sechs Jahre ihren Lebensabend verbracht hatte. Manfred und Hans-Jörg standen an ihrem Sterbebett.

    2. 2003 — Umzug nach Bad Orb

      Helga vermittelt die Wohnung. Er genießt das Leben in der Kurstadt und pflegt eine Fernbeziehung nach Bremen.

    3. Februar 2006 — Bruder Fritz-Harald

      Er stirbt nach einem bewegten Leben, geprägt von Fremdenliebe, geographischen und historischen Kenntnissen und großer Kreativität; unter anderem gestaltete er Schallplattencover für die Deutsche Grammophon. Lautstark empörte er sich zeitlebens über die Verbrecher des "Dritten Reichs".

    4. 2011 — Umzug nach Darmstadt-Kranichstein seine letzte Heimstatt.

    5. Die letzten Jahre

      Die Familie wird sein Anker: die unzähligen Besuche, dazu die liebevolle Betreuung durch Rosemarie Rübsamen und Suna Avinik. Dieser Lebensabschnitt war vor allem von großer Dankbarkeit geprägt. Die Frage, ob er ein gutes Leben hatte, konnte er uneingeschränkt bejahen.

    6. 10. Januar 2024 — Die letzte Reise

      Er ist gegangen, wie er gelebt hat: eigenständig, unkonventionell und voller Dankbarkeit.

Nach den Aufzeichnungen von Hans-Jörg Keim

Die Studienjahre

Erinnerungen von Hans Rüth

Im Herbst 1955 kam er nach Darmstadt. Den Kontakt hatte Bernhard Kunst vermittelt, ein Schulfreund von Hans Rüth, dessen Vater einst mit Manfreds Vater in derselben Frankfurter Firma sein Praktikum gemacht hatte. Manfred suchte ein Doppelzimmer, möglichst mit Heizung; alles wurde per Brief abgestimmt. Am Darmstädter Hauptbahnhof stand er dann und trug einen der beiden schweren Koffer zur Straßenbahn. Das Zimmer lag im Haus eines Schneiders in Griesheim, gut sechs Kilometer außerhalb, war groß und hatte Zentralheizung. Bis zum Ende des ersten Semesters wohnten die beiden dort zusammen.

Darmstadt war damals noch weitgehend Trümmerfeld. Die Hochschule stand, aber ein Flügel war zerstört, der mathematische, in dem im Krieg die Flugbahnen von V1 und V2 gerechnet worden waren. Ganze Straßenzüge im Norden lagen noch in Schutt.

Das Studium behandelte er nachrangig, und er machte kein Geheimnis daraus. Sein Prinzip war, erst einmal zu prüfen, ob es sich überhaupt lohnte, zu einer Vorlesung hinzugehen. Kein Zynismus, eher Eigenständigkeit. Latein und Griechisch hatte er vom humanistischen Gymnasium mitgebracht, dazu kam sehr viel Lesen; man konnte ihn Dinge fragen, die sonst niemand wusste. Genau das verzögerte das Studium. Das Vorexamen legte er erst im sechsten Semester ab, dann aber alles am Stück und sehr gut. Das Hauptexamen zog sich; zuletzt war er der Einzige seines Semesters, der noch da war.

Die eigentliche Leidenschaft war die Akaflieg. Nachmittags war er weg und kam abends spät zurück. Die Werkstatt lag in einem Keller in Darmstadt, geflogen wurde auf einem Platz außerhalb, acht bis zehn Kommilitonen waren dabei, meist Maschinenbauer.

Seine Prinzipien waren klar. Einer Burschenschaft beizutreten kam kategorisch nicht in Frage, obwohl sein Freund in der Rugia war. Tanzveranstaltungen interessierten ihn nicht – mit genau einer Ausnahme, und die zählte. Als Hans Rüth mit ein paar Freunden zum Tanz fuhr, hängte Manfred sich spontan an. Dort forderte er Helga auf.

Einen Sommer verbrachte er in Spanien, im Ferienhaus der Familie Rüth in Castelldefels. Er machte ein Praktikum bei AEG außerhalb Barcelonas, war mit dem Motorrad gekommen und schwamm täglich am Strand. Später Sevilla und der Flugzeugbau, dazu eine Gelbsucht, für die das Wasser in Verdacht stand, das dort von der Straße geholt wurde. Spanisch fiel ihm über das Latein leicht. Als Hans Rüth 1965 aus Spanien zurückkam und sich in Deutschland bewarb, wohnte er bei Manfred in Darmstadt.

Die vielleicht charakteristischste Szene der ganzen Freundschaft ist eine Absage. Zur Hochzeit seines Freundes 1970 schrieb Manfred einen Brief, dass er nicht komme: Er habe keine Lust, sich das Gerede alter Damen anzuhören. Hans Rüth war nicht beleidigt, er kannte ihn gut genug – und erzählte es den anderen einfach nicht.

Die Freundschaft hielt ein Leben lang. 1993 feierte Hans Rüth die Einweihung seines Hauses am Genfer See, rund dreißig Gäste, ein gechartertes Schiff auf dem Wasser. Manfred und Helga waren dabei.

Nach einem Gespräch mit Hans Rüth

Was bleibt

  • Der Widerspruch

    Er liebte es, Gegenpositionen einzunehmen, auch wenn sie nicht seiner Meinung entsprachen. Wer sich darauf einlassen konnte, fand einen treuen Freund.

  • Die Bücher

    Sein immenses Wissen entsprang der humanistischen Bildung und einem großen Bücherkonsum. Dazu die Liebe zur Literatur und eine ausgeprägte Sprachbegabung.

  • Die Kunst

    Besonders verbunden mit seinem Freund Baldur Greiner, ebenso mit den Arbeiten von Annegret Soltau.

  • Die Stapel

    Die grenzenlose Sammelleidenschaft und die unzähligen Papierstapel in seiner Wohnung, auf denen alles Wichtige liebevoll aufbewahrt wurde.

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    Ein alter FreundPlatzhalter
  • Platzhalter-Eintrag: Ein kurzer Gedanke an gemeinsame Stunden.

    WeggefährtePlatzhalter

Dank

Dank an alle, die Manfred zuletzt begleitet haben – besonders an Rosemarie Rübsamen und Suna Avinik für die liebevolle Betreuung in den letzten Jahren sowie an die vielen Freunde und Weggefährten, unter ihnen Kirsten Habicht, Renate Ruf, .