Er war ein eigener Mensch, unkonventionell und in vielem überraschend. Provokant zuweilen, aber nie böse gemeint. Humorvoll, manchmal auch schrill. Er liebte den Widerspruch und stellte sich gern auf die Gegenseite, selbst dann, wenn er dort gar nicht wirklich stand. Wer sich darauf einlassen konnte, fand in ihm einen guten und treuen Freund – selbstbestimmt und im besten Sinne liberal. Als ihn zuletzt die Demenz einholte, blieb er doch er selbst, nur in altersmilder Form. Er fehlt: als Vater, als Bruder, als Freund, als Gesprächspartner.
Manfred Fritz Keim kam am 14. Juni 1936 zur Welt, als erstes Kind von Susanne und Hans-Günther Keim. Die Mutter, gelernte Dekorateurin aus bürgerlichem Leipziger Haus, hatte sich ihren sächsischen Akzent energisch abgewöhnt; der Vater, Jurist bei der Allianz und Spross einer alten hessischen Soldatenfamilie, war klein, sportlich und von durchdringender Intelligenz, berühmt-berüchtigt für seine bekehrenden Vorträge auf Gesellschaften. Kennengelernt hatten sich die beiden im Stuttgarter Reitverein. Manfreds Interesse an Geschichte und großen Zusammenhängen hatte hier seine Wurzel.
„Wieso denn?" hätte er vermutlich gefragt, seinem Widerspruchsgeist folgend, wenn man ihm all diese Erinnerungen hingehalten hätte. Und hätte sie dann doch dankbar entgegengenommen und sorgfältig auf einem der unzähligen Papierstapel in seiner Wohnung aufbewahrt. Am 10. Januar 2024 hat er die letzte Reise angetreten, mit 87 Jahren.
„Da sprach er zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe." — 1. Mose 24,56
Der Vers passt zu ihm. Manfred Keim ließ sich nicht aufhalten, auch auf seinem letzten Weg nicht. Hetzen ließ er sich aber ebenso wenig. Ob er in seinen letzten Stunden mit Gott gerechnet hat, weiß niemand. Überrascht wäre er von einer Begegnung wohl kaum gewesen – eher hätte er sich sofort in ein interessantes Gespräch vertieft.
Vieles bleibt in Erinnerung. Das erste Zusammentreffen beim Karneval in Frankfurt, wo sofort klar war: Der ist genau mein Typ. Es war seine völlig andere Welt, die anzog, seine unkonventionelle Art – später dann die Sandalen auf der Tanzfläche als unverwechselbares Markenzeichen. Die gemeinsamen Reisen, allen voran der Dschungel Malaysias und der Besuch bei Freunden in Penang. Die Ski- und Paddelurlaube. Dass er sich davon irgendwann zurückzog und einmal sogar das Auto von einem Studenten an den Urlaubsort nachbringen ließ, weil er selbst nicht kommen konnte. Dass er in schwierigen beruflichen Zeiten mit Rat und Tat da war. Und dass er in der Julius-Reiber-Straße zum zwar unfreiwilligen, aber sehr hilfreichen „Bauleiter" wurde. Bis heute erinnern die Kunstwerke im Haus, vor allem von Baldur Greiner und Annegret Soltau, an vielen Ecken an ihn.
Seinem Bruder Hans-Jörg war er vor allem Gesprächspartner mit verwandter Seele. Unzählige Male haben die beiden zusammengesessen und geredet, besonders gern über Geschichte, sicher auch über die Kindheit. Prägend blieben die Bombennächte im Juli 1943 in Hamburg, die die Familie im Keller verbrachte, bangend, ob vom Haus darüber am nächsten Morgen noch etwas übrig sein würde. In seinen letzten Tagen kehrten diese Nächte in seine Träume zurück. Damals stand zum Glück noch alles – bis auf zerbrochene Fensterscheiben, deren Scherben sich im Kinderbettchen von Bruder Fritz-Harald wiederfanden. Auch das humanistische Gymnasium verband die Brüder, wenn sie es des Altersunterschieds wegen auch nur einen einzigen Tag gemeinsam besuchten.
Es war eine Nacht im Juli 1943, während der Operation Gomorrha, als die Familie im Keller der Oberstraße saß. Der siebenjährige Manfred fand seinen Trost in der Anwesenheit Berliner Feuerwehrmänner. Am Ende ging außer zerbrochenen Fensterscheiben nichts verloren.
1979 kam sein Sohn Fabian dazu. Der Sohn eines spleenigen, exzentrischen Vaters zu sein war nicht immer leicht, doch ihre Beziehung war stets von emotionaler Stärke geprägt. Mit den Jahren wurde der Umgang damit leichter, und über die gemeinsamen Vater-Sohn-Reisen kamen sich beide immer näher: von Santiago de Compostela nach Südmarokko, nach Irland, auf die Kanaren und schließlich nach Rom. Dass er in den Vatikanischen Museen praktisch jede Frage des Führers beantworten und mit ihm fachsimpeln konnte, sagt viel über sein immenses Wissen – gewachsen aus humanistischer Bildung und einem unermüdlichen Bücherkonsum.
Ein Zug, der ihn früh kennzeichnete: 1955 begann er in Darmstadt Maschinenbau zu studieren – zugelassen allein aufgrund seiner Eins in Deutsch. Als sein Vater im Februar 1962 während der großen Sturmflut in Hamburg starb, brach Manfred mitten im Diplomexamen das Studium ab. Nicht aus Prüfungsangst und nicht wegen schlechter Ergebnisse, sondern weil ihm ein Titel als bloße bürgerliche Fassade galt. Es gab dazu, so erinnert sein Bruder, zu Hause nicht einmal eine Debatte.
Beruflich ging es trotzdem weiter, und zwar sofort: erst am Kunststoff-Institut der Technischen Hochschule, wo er mit faserverstärkten Kunststoffen arbeitete und beiläufig einen großen Inkubator konstruierte, dann als Redakteur beim Krauskopf-Verlag in Mainz, schließlich bei der Firma Schenck, wo er in einem kleinen Team die Handbücher für hydraulische Prüfmaschinen entwarf. Aus dieser Zeit blieben zahlreiche Freundschaften und die Verehrung für seinen Vorgesetzten Prof. Jakobi.
Es gäbe noch so vieles zu erzählen. Seine Liebe zur Kunst, die ihn besonders mit seinem Freund Baldur Greiner verband. Jahrzehntelange Freundschaften, etwa zu Manfred und Kirsten Habicht, und zu vielen anderen. Seine grenzenlose Sammelleidenschaft, die in seiner Wohnung zu wunderbar chaotischen Zuständen führte. Seine Liebe zur Literatur, seine Sprachbegabung.
In den letzten zwei, drei Jahren war die Familie sein Anker: die unzähligen Besuche, dazu die liebevolle Betreuung durch Rosemarie Rübsamen und Suna Avinik. Dieser letzte Lebensabschnitt war vor allem von großer Dankbarkeit geprägt. Die Frage, ob er ein gutes Leben hatte, konnte er uneingeschränkt bejahen. Und er war schließlich auch so weit, sterben zu wollen.
„Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe."
Er ist gegangen, wie er gelebt hat: eigenständig, unkonventionell und voller Dankbarkeit.

